Von den Flitterwochen in die Ehe
Erfolgreich den Transfer sichern
Dieser Beitrag erscheint im Frühjahr 2006 im 'Moodle-Praxisbuch', Verlag Addison-Wesley
Für die berufliche Fortbildung geben Unternehmen und öffentliche Verwaltungen jedes Jahr Milliarden aus. Der größte Teil der Seminare und Workshops findet nach wie vor in Präsenzveranstaltungen statt. Wir ergänzen seit einigen Jahren unsere Präsenzveranstaltungen in Qualifizierung und Beratung mit online-unterstütztem Arbeiten und Lernen. Das bedeutet, die Umsetzung und Anwendung von Erkenntnissen aus dem Seminar bzw. der Beratung wird durch eine längerfristige virtuelle Zusammenarbeit ergänzt.
Dass der Transfer von Gelerntem in den beruflichen Alltag überhaupt stattfindet und wie gut er gelingt, ist eine der größten Herausforderungen von Trainer/innen bei der Gestaltung von Veranstaltungen. Wie sorge ich als Trainerin optimal dafür, dass die Teilnehmer/innen die neuen Erkenntnisse auch im Alltag umsetzen? Es gibt eine Reihe von Maßnahmen, mit denen wir die Inhalte in Seminaren so gestalten können, dass die Wahrscheinlichkeit und die Qualität des Transfers möglichst hoch ist:
Beispiele:
- Die Inhalte des Seminars werden konsequent an den beruflichen Situationen der Teilnehmer/innen orientiert, d.h. Beispielsituationen (z.B. für Rollenspiele) werden aus der beruflichen Realität der Teilnehmer/innen genommen.
- Die Teilnehmer/innen werden vor dem Seminar befragt, welche Fragen/Probleme sie mit dem Besuch des Seminars lösen wollen.
- Teilnehmer/innen werden aufgefordert, mit ihrem/ihrer Vorgesetzten ein Gespräch zu führen über die Inhalte des Seminars und wie diese am besten im Kollegenkreis umgesetzt werden können, welche Unterstützung nötig ist.
- Die Teilnehmer/innen setzen sich im Seminar Ziele und erarbeiten eine Strategie zur Umsetzung von Neuem am Arbeitsplatz. Mögliche Umsetzungsprobleme können erkannt und besprochen werden.
Doch ganz egal, wie gut im Seminar der Transfer in den Alltag überlegt und vorweggenommen wurde, das Seminar ist immer ein „Schonraum“, eine spezielle Realität. Die Teilnehmer/innen befinden sich sozusagen in den Flitterwochen, sie sind abgeschottet von dem „Klein-Klein“ des Alltags. In diesen Flitterwochen ist man voller guter Ideen, was man alles anpacken kann. Es erscheint gar nicht schwer, sich vorzunehmen, endlich das Gespräch mit dem Kollegen zu planen, mit dem man Konflikte hat. Doch alle Maßnahmen zur Unterstützung des Transfers im Seminar haben einen Haken: es sind „Trockenübungen“.
Wieder zurück am Arbeitsplatz zeigen sich die Mühen des Alltags in der „Ehe“. Wie oft haben wir von Teilnehmern nach einem Seminar schon gehört: sie hätten sich zwar vorgenommen, mit Kollegin X zu sprechen, aber leider ergibt sich seit Wochen nicht die Gelegenheit usw.
Die Arbeit nach dem Seminar ist eigentlich die wichtigste des Seminars,
daher ist uns die weitere Unterstützung der Teilnehmer/innen über Wochen oder Monate hinweg sehr wichtig. Denn jetzt brauchen sie Mut, einen langen Atem, Durchhaltevermögen. Sie sind auf sich allein gestellt, brauchen weiterhin fachliche und „moralische“ Unterstützung.
In den ersten Wochen nach dem Seminar, wenn der Alltag und der volle Schreibtisch wieder Priorität gewinnen, werfen viele Teilnehmer „das Handtuch“, wenn sie merken, dass sich viele Seminarinhalte nicht mal so eben anwenden lassen, weil sie vielleicht auch Gewohnheiten und Verhaltensweisen ändern müssen.
Damit die Investitionen aus den Seminaren nicht versanden, muss viel stärker als in der Vergangenheit die Umsetzung der neuen Inhalte oder Verhaltensweisen im System „Arbeitsalltag“ verankert werden. Wir als Trainer oder Berater können viele Dinge anregen, aber z.B. nicht die Vorgesetzten oder Kolleg/innen verpflichten, gemeinsam Neues auszuprobieren und zu implementieren.
Aber wir können unsere Teilnehmer/innen weiterhin begleiten und unterstützen, dies tun wir online mit der Lernplattform „moodle“.
Ein Beispiel für die Transferbegleitung wollen wir hier vorstellen: Die Arbeit mit einem Lerntagebuch. Der Teilnehmer beschreibt, was er sich konkret vorgenommen hat, welche Schritte er gehen will. Dazu gebe ich als Trainerin Anregungen oder Kommentare. Daraufhin und nach ersten Schritten in der Praxis führt der Teilnehmer sein Lerntagebuch fort. Die Inhalte des Lerntagebuchs können nur der jeweilige Teilnehmer und ich sehen. Wir führen also im virtuellen Kursraum einen separaten Dialog unter vier Augen.
Beispiel: Auszug aus Einträgen nach einem Seminar zum Thema „Einführung und Verbesserung von Teamarbeit“ (im Juli 2005):

Bild: Journaleintrag Vorhaben im Team

Bild: Kommentar der Trainerin
Zusätzlich zur individuellen Begleitung der Transfervorhaben der Teilnehmer/innen gab es verschiedene Foren, in denen die Teilnehmer/innen spezielle Fragen miteinander besprechen konnten, z.B. welche „Spielregeln“ (offene, gemeinsam abgestimmte, geheime...) es in den jeweiligen Teams gibt.
Zum Lerntagebucheintrag oben hier noch eine Abschlussbemerkung des Teilnehmers in einem Forum, in dem die anderen Seminarteilnehmer/innen von der erfolgreichen Umsetzung der geplanten Maßnahmen informiert werden (im September 2005):

Bild: Feedback eines Teilnehmers (anonymisiert)

Bild: Feedback der Trainerin an den Teilnehmer
Die Lernplattform moodle verfügt über eine Fülle von Möglichkeiten zum kollaborativen Lernen. Für die Begleitung von Umsetzungsmaßnahmen nach einem Seminar reichen jedoch meist das Lerntagebuch und einige Kommunikationsforen. Weitere Unterlagen und Fotoprotokolle werden ebenfalls auf der Plattform zur Verfügung gestellt.
Wir beobachten immer wieder, wie gut es den Teilnehmer/innen tut, in der Phase nach dem Seminar den anderen berichten zu können, Begleitung, Unterstützung oder Beistand zu haben, Feedback zu bekommen, gemeinsam Erfolge zu „feiern“, wenn man daran geht, in seinem Arbeitsalltag Dinge zu verändern. Wie in einer guten Ehe...